Gedanken zur Aquaristik

Philosophisch-ethische Aspekte des nassen Hobbys

In diesem Bereich möchte ich einmal meine persönlichen Einstellungen und Ansichten zu verschiedenen Themen der Aquaristik darstellen.

Für mich besteht der Sinn der Aquaristik darin, so viel wie möglich über seine Pfleglinge zu erfahren, um sie besser zu verstehen. Dies sollte nicht auf die einzelne Art beschränkt bleiben, sondern auch für die verschiedenen Beziehungen zur Umwelt und der Bedeutung für das Ökosystem Aquarium gelten. Um dabei möglichst unverfälschte Ergebnisse zu erzielen, sind die Bedingungen im Aquarium soweit wie möglich an die Bedürfnisse und Eigenheiten der gepflegten Arten, sowohl Fische, Pflanzen als auch Wirbellose betreffend, anzupassen. Damit sind nur fundamentale Faktoren wie Beckengröße und Wasserwerte miteinzubeziehen, insbesonders letztere sind über weite Strecken (bezogen auf die Grundparameter Wasserhärte und pH-Wert) sogar eher unerheblich, sondern auch eine dem Verhalten und sonstigen Bedürfnissen angemessene Sozialstruktur, Einrichtung, Vergesellschaftung und Ernährung.

Um ein Lebewesen zu verstehen, umfassende Information zu erhalten und diese auch auszutauschen, ist es meiner Ansicht nach essentiell wichtig, die wissenschaftliche Bezeichnung der Art zu kennen. Diese hilft ungemein, ausführliche Informationen, auch aus fremdsprachgen Quellen zu finden oder auch wissenschaftliche Arbeiten zu finden und zunutzen.

Gute Anhaltspunkte für die Ansprüche einer Fischart sind morphologische Merkmale und ihre Physiognomie allgemein. So kann man bei Fischen an der Maulform Hinweise auf die Lebens- und Ernährungsweise erkennen, und die Fütterung entsprechend anpassen. Ebenso geben Körperform und -querschnitt sowie die Beflossung Hinweise zur Lebensweise und den Bedürfnissen. So ist beispielsweise eine gegabelte Schwanzflosse wie bei der Haibarbe Indiz für einen aktiven Schwimmer wogegen eine gerundete Caudale auf einen eher ruhigen Fisch, wie bei Bachlingen, hinweist.

Die Ernährung dient nicht nur dem Zweck, dem Tier die benötigten Nährstoffe zuzuführen sondern sollte auch der natürlichen Art der Nahrungsaufnahme entgegenkommen. Es ist also nicht nur die reine Nährstoffbilanz zu beachten sondern auch der "sensorische Input" ausschlaggebend. Das gewählte Futter sollte also nicht nur physiologisch sondern auch "psychologisch" wertvoll sein. Das bedeutet aber nicht, dass die ausschließliche Fütterung mit Lebendfutter dogmatisch eingefordert werden soll. Schließlich ergeben sich immer unumgängliche praktische Hürden, welche zu Versorgungsengpässen kommen. Wenn ein Artemia-Ansatz mal nicht so gut geklappt hat wie erwartet, bekommen eben nur die Fische Nauplien, welche zwingend drauf angewiesen sind. Für die anderen reichen dann eben Cyclops, ob getümpelt oder gefrostet, oder dekapsulierte Artemiacysten.

Ein grundlegender Leitfaden dieser Seiten ist es, dass ich genauere Pflegehinweise nur für Arten gebe, die ich selbst pflege oder gepflegt habe. Es gibt allerdings einige Ausnahmen, bei denen man, zumindest unter gewissem Vorbehalt, Empfehlungen im Rückblick auf Erfahrungen mit nahe verwandten Arten geben kann.

Es gibt auch viele Fragen, die ich nicht beantworten kann, sogar mehr, als ich beantworten kann. Ein Schwerpunkt meiner Wissenslücken sind verschiedenste Vergesellschaftungsfragen, als Kehrseite meiner recht puristischen Aquaristik mit Artaquarien, und nur gemäßigten Gesellschaftsbecken. Einer der wichtigsten Gründe hierfür ist sicherlich, dass ich Aquarienbewohner pflege, die aus Mittelamerika stammen, beziehungsweise zur erweiterten zoogeographischen Region des Karibikraums zu rechnen sind. Da man allerdings kein Spezialist für alles sein kann, halte ich das für verschmerzbar.

Zusätzlich verfolge ich das Konzept des Art- oder auch Biotopaquariums. Das Biotopaquarium ist dann aber keines im Stil eines „Asien-“ „Südamerika-“ oder „Westafrikabeckens“, in dem Fischarten aus weitläufigen Regionen, und teilweise sehr unterschiedlichen Lebensräumen zusammengesetzt werden, sondern eines, das die tatsächlichen Lebensbedingungen kleinräumig wiederzugeben versucht. Eine Konstellation aus Fischarten, die zwar im selben Flussystem leben, von denen die eine aber in den Stromschnellen, die andere in ruhigen Seitenarmen, eine in überflutungstümpeln paddelt, eine aus den kühlen Hochlagen stammt, und eine im brackigen Mündungsbereich lebt, kann man kaum ersthaft als Besatz eines Biotopaquariums bezeichnen. Andererseits kann es durchaus Sinn machen, auch Arten zu vergesellschaften, die nicht im selben Gewässer (sympatrisch) vorkommen, aber unter vergleichbaren Bedingungen leben, und somit ähnliche Ansprüche an ihre Umgebung haben. So schwammen bei meinen Theraps irregularis keine Schwertträger, sondern Hochlandkärpflinge der Gattung Ilyodon, da diese robuster sind als ihre Poeciliinen Gegenstücke von der Atlantikseite. Das setzt natürlich voraus, dass man sich mit den Tieren, ihren Ansprüchen, und Eigenschaften sowie ihrem Lebensraum auseinandersetzt. Am wichtigsten dafür ist, noch deutlich vor den theoretischen Hintergrundinformationen, der unvoreingenommene Blick ins Aquarium.

Kommentare

blog comments powered by Disqus