Wie zu jedem anderen Thema kursiert auch bei diesem viele Aussagen in Internet, die sich bei näherer Betrachtung als sachlich falsch herausstellen.
Oft werden beispielsweise Umstände, welche bei Landpflanzen zutreffen, auf Wasserpflanzen angewendet.
Die Situation bei Landpflanzen ist aber in wichtigen Details ungeeignet, um den Fall bei Wasserpflanzen zu argumentieren, weil sie die ökophysiologischen Besonderheiten von Wasserpflanzen als Ergenis einer mehr oder weniger starken Anpassung an die aquatische Lebensweise und die physiko-chemischen Besonderheiten des aquatischen Lebensraums selbst nicht berücksichtigen.
Worin wichtige Unterschiede zwischen Wasserpflanzen und Landpflanzen bestehen, läst sich auch erklären.
Bei der Aufnahme eines Nitrat-Anions wird zusätzlich ein Wasserstoff-Ion, oder ladungsequivalent andere Kationen wie Kalium (K+), Calcium (Ca2+) oder Mangan (Mn2+), aufgenommen (Symport).
So wird die elektrische Neutralität der Ionenaufnahme erzielt und es wird die Aufnahme zusätzlicher Nährstoffe ermöglicht.
Zur Aufnahme eines Ammonium-Ions muss die Pflanze dagegen im Gegenzug ein einwertiges Kation abgeben (Antiport). Das geschieht ebenfalls in Form eines Wasserstoff-Ions H+.
Richtig, das ist das Säure-Ion. Eine Landpflanze säuert also bei der Aufnahme von Ammonium über die Wurzeln (oder aus Regenwasser, durch die Blätter) das Erdreich an ihrem Standort an.
Ein saurer Boden ist jedoch für viele Pflanzen äußerst ungünstig. Die meisten Landpflanzen bevorzugen Nitrat als Stickstoffquelle und können die Vorteile der unmittelbaren Verstoffwechselbarkeit von Ammonium nicht dauerhaft zu ihren Gunsten nutzen.
Bei einer ausschließlichen Ammonium-Düngung kommt es deshalb zu der beschriebenen Ansäuerung des Bodens. Der Pflanze bleibt in einer solchen Situation nichts anderes überig, da keine andere Stickstoffquelle zur Verfügung Steht.
Unter natürlichen Bedingungen Steht vielen Landpflanzen, durch die Tätigkeit der Nitrifikationsbaktieren und anderer Mikroorganismen im Boden, ohnehin praktisch nur Nitrat, das Endprodukt der oxidativen Mineralisation organischer Stickstoffverbindungen, zur Verfügung.
Auf das Gesamtsystem bezogen ist es aber egal, ob die Ansäuerung nun durch die Oxidation von Ammonium zu Nitrit durch Nitroso-Bakterien oder durch den Antiport zur Aufnahme von Ammonium durch die Pflanze geschieht.
Einige Pflanzenarten, welche ans saure Standorte adaptiert sind, zeigen jedoch eine deutliche Bevorzugung von Ammonium gegenüber Nitrat.
Das gilt beispielsweise für die torfbildenden Moose der Gattung Sphagnum. Durch bestimmte Moleküle (Polygalacturonsäure) auf ihrer Oberfläche können diese Moose Kationen, wie Ammonium, tauschen.
Im Gegenzug geben sie Wasserstoff-Ionen ab. Dies ist zum einen eine Anpasung an die extrem nährstoffarmen Bedingungen im Hochmoor und zum anderen eine Methode, Konkurrenz durch andere Pflanzenarten zu unterdrücken.
Bei Wasserpflanzen besteht jedoch das Problem der Ansäuerung nicht in dieser aktuten Form. Sie nehmen zudem ihre benötigten Stickstoffverbindungen kaum über die Wurzeln aus dem Boden, sondern hauptsächlich direkt aus dem Wasser über die Blätter auf. [23b]
Durch das immense Wasservolumen und die Säurebindekapazität ist eine übermäßige Ansäurung des Wassers durch die Ammonium-Aufnahme ausgeschlossen.
Tatsächlich ist leicht saures Wasser sogar von Vorteil, weil sich das Dissoziationsgleichgewicht von Ammonium und Ammoniak Stärker zum Ammonium verschiebt, welches die Pflanze aufnehmen kann.
Deshalb sind sowohl Algen also auch höhere Wasserpflanzen in der Lage, das unmittelbar verwertbare Ammonium als bevorzugte anorganische Stickstoffquelle aufzunehmen. Ammonium ist somit sowohl für Wasserpflanzen als auch Algen, als Fausstregel, die bevorzugte Stickstoffquelle.[23] [6]
Dabei kann beispielsweise bei sehr hohen Ammonium-Konzentrationen sogar eine Abgabe von bereits aufgenommenem Nitrat durch die Pflanzen beobachtet werden.[2]
Dabei muss unbedingt auch die alltägliche Stickstoff-Quellen-Situation unter natürlichen Bedingungen berücksichtigt werden, an welche die Pflanze adaptiert ist.
Im Aquarium ist eine ausschließliche Ammonium-N-Versorgung der Pflanzen ein unrealistisches Modell. Schon alleine deshalb, weil Pflanzen, Algen und Mikroorganismen um Ammonium als Stickstoffquelle wetteifern.
„
In the aquatic environment, however, ammonium predominates. This is because almost all sediments supporting aquatic plant growth are anaerobic. Ammonium, not nitrates, tends to accumulate, because anaerobic conditions discourage nitrification and encourage denitrification. Because ammonium predominates in the aquatic environment, most aquatic plant species have developed an ammonium-based nutrition.
”
[23b]
Es gibt zudem mehr oder weniger stark ausgeprägte artspezifische Präferenzen für Nitrat und Ammonium. Viele Pflanzenarten zeigen jedoch keine besondere Präferenz. Ganz abhängig davon, welche Stickstoffquelle der Pflanzenart im natürlichen Lebensraum überwiegend zur Verfügung Steht.
Das hängt unter anderem damit zusammen, dass unter entsprechenden Umweltbedingungen, wie beispielsweise Trockenheit, hohe oder niedrige Bodentemperatur, Sauerstoffmangel in Staunassen Böden oder durch chemische Verbindungen, die mikrobielle Nitrifikation gehemmt wird.
Somit wird Ammonium nicht oxidiert, es kommt unter Umständen durch anoxische Bedingungen sogar zur Reduktion von Nitrat. Der Stoffwechsel der Pflanzen hat sich im Laufe der Evolution an diese spezifischen Bedingungen angepasst.
Das schließt jedoch eine entsprechende Akklimatisierungsfähigkeit an geänderte Umstände nicht aus. [20b][4] [6]
Von Wasserpflanzenarten an extrem nährstoffarmen Standorten (extremes Weichwasser) ist bekannt, dass sie besonders aktiv Sauerstoff über ihre Wurzeln an das umgebende Substrat abgeben, um die Nitrifikation in der Rhizosphere aktiv zu unterstützen und durch direkte Aufnahme von Ammonium die spärlcihen Nährsalze noch verägen.
[18].
Aufgenommener Nitrat-Stickstoff kann nicht unmittelbar für weitere Stoffwechselprozesse (Amino- und Nukleinsäure-Biosynthese) genutzt werden. Er muss zu erst in eine stoffwechselverfügbare Form, Ammonium, reduziert werden.
Für die Reduktion von Nitrat zu Ammonium muss die Pflanze Energie aufwenden.
Das ist auch logisch zu erklären. Nitrat ist eine ergieärmere Verbindung als Ammonium und irgendwo müssen die Elektronen für die Reduktion des Stickstoffatoms bei der Umwandlung von Nitrat zu Ammonium auch herkommen.
Aus der Oxidation von Ammonium über Nitrit zu Nitrat resultiert pro Mol eine Energiedifferenz von 350,8 Kilojoule.
- NH4+ + 1½ O2 ⇒ NO2- + H2O + 2 H+ ΔG0' = -275 kJ/mol
- NO2- + ½ O2 ⇒ NO3- ΔG0' = -75,8 kJ/mol
- nach Sigee, 2005, p. 255
Diese Reaktion läuft bergab, es wird Energie frei. Auf diesem Weg gewinnen ammonium- und nitritoxidierende Bakterien (Nirtifikationsbakterien) Energie.
Genau diese Energie muss die Pflanze wieder in den umgekehrten Prozess der Nitrat-Reduktion investieren, um Nitrat zu Ammonium zu reduzieren.
Die umgekehrte Bergaufreaktion benötigt also genau die Energie, welche bei der komplementären Bergabreaktion frei wird.
„
Unlike nitrate, ammonium does not require reduction prior to the utilisation by the plant,
thus resulting in considerable energy savings.
”
[Lewis, 1986, p. 26]
Für die bei der Nitratassimilation Stattfindende enzymatische Reduktion von Nitrat zu Ammonium wird diese Energie in Form von Elektronen bereitgestellt.
Zudem sind Wasserstoff-Ionen notwendig, für deren Gewinn ebenfalls zuvor Energie notwendig war.
Dazu werden chemische Energiespeicher in Form von NAD(P)H/H+ entladen, es wird Energie aufgewandt.
Pflanzen „ertnen” praktisch ihre Energie aus Licht. Diese geerntete Energie wird für alle weiteren Stoffwechselprozesse nach unten weitergereicht.
Die Energie des Lichtes wird durch Umwandlung in elektro-chemische Energie verwertbar und transportierbar. Diese Energie wird in Form von Energieequivalenten (ATP) und Reduktionsequivalenten (NADPH/H+) in der Lichtreaktion der Photosynthese aus den Lichtquanten des Sonnenlichts gewonnen.
In der Dunkelreaktion der Photosynthese, dem Calvin-Zyklus, wird diese Energie zur Produktion von Hexosen (C6-Zucker, C6H12O6) wie Glukose genutzt und kann in dieser Form ebenfalls gespeichert und transportiert werden.
Mit Glukose baut die Pflanze nun sowohl Substanz (Cellulose, Lignin) als auch Energiereserven (stärke) auf. Aus Glukose können weiterhin, entweder aus den Energiereserven oder unmittelbar, durch den Vorgang der Zellatmung (Glycolyse) wieder Reduktionequivalnte (NADH/H+) und Energieequivalente (ATP) gewonnen werden.
Wenn auch über den Umweg anderer Stoffwechselschritte, Stammt die Energie der Pflanze somit letzlich aus der Lichtreaktion der Photosynthese.
Ultimativ Stammt diese Energie aus den Kernfusionsprozessen der Sonne.
Das in nicht-grünen Zellen zur Nitrat-Assimilation verwandte NADPH/H+ entsteht dagegen vermutlich aus dem Vorgang des Pentosephosphatzyklus.
Auch dieser ist aber von der durch die Photosynthese gespeicherten Energie (in Form von Glukose und anderen Zuckern) abhängig. [7a], [7b] [7c] [7d] [7e] [7f] [g] [7h] [22a]
Aufgenommens Nitrat wird von Algen und Pflanzen (photosynthetische Eukaryoten) mit Hilfe des Enzyms Ferrodoxin-Nitrat-Reduktase zu Nitrit und dann mit Hilfe des Enzyms Ferredoxin-Nitrit-Reduktase zu Ammonium reduziert.[7i][7j] [7k] [7l]
- NO3- + NAD(P)H/H+ + Ferredoxin-Nitratreduktasered ⇒ NO2- + NAD(P)- + Ferredoxin-Nitratreduktaseox + H2O
- NO2- + 8 H++ 6 Ferrodoxin-Nitritreduktasered ⇒ NH4+ + 6 Ferrodoxin-Nitritreduktaseox + 2 H2O
- nach [Sitte et al., 1998, S.330], vereinfacht.
Dazu werden 8 Elektronen (e-) benötigt, um das Stickstoff-Atom von der Oxidationstufe +V im Nitrat-Ion zur Oxidationstufe -III im Ammonium-Ion zu reduzieren.
Hinzu kommen noch insgesamt 10 Wasserstoff-Ionen, die ebenfalls unter Energieaufwendung bereitgestellt werden.
Diesen bei der Nitrat-Assimilation nötige Schritt kann von der Pflanze bei der direkten Aufnahme von Ammonium aus dem Wasser übersprungen werden.
Das ist ein weiterer Grund, aus dem Ammonium die bevorzugte Stickstoffquelle vieler Wasserpflanzen ist.
Die Pflanze spart durch die unmittelbare Verwendung von Ammonium Engergie, welche sie anderweitig, beispielsweise für Substanzaufbau, nutzen kann.
Zudem sind Pflanten in der Lage, Ammonium, im Gegensatz zu Nitrat, auch bei Dunkelheit aufzunehmen, da die direkte Ammonium-Assimilation deutlich weniger energieintensiv ist als die Nitrat-Assimilation mit der folgenden Reduktion zu Ammonium.
Direkte Ammonium-Assimilation ist nicht von der Verfügbarkeit von Reduktionsequivalenten und somit auch nicht unmittelbar von der Photosynthese abhängig. [13].
Die Pflanze nutzt mit Ammonium als Stickstoffquelle folglich schlicht die energetisch günstigere Alternative und stellt, sofern Ammonium entsprechnd hoch konzentriert und verfügbar vorliegt, die Nitrat-Assimilation ein.
Umstellung beschreibt die graduelle Natur des Prozesses aber besser als Blockieren. Die vollständige Umstellung erfolgt nur, wenn eine bestimmte Mindestkonzentrationen an Ammonium vorhanden sind,
weil sie unter natürlichen Bedingungen, auf welche der Stoffwechsel und die Regelmechanismen der Pflanzen eingestellt ist, in vielen Fällen Nitrat die dominierende Stickstoffquelle darstellt.
Die Umstellung des Stickstoffhaushalts der Pflanze wird erst einmal über die Genexpression der notwendigen Enzyme und membranständige Transportproteine für Nitrat (high / low affinity NO3--Transport System, NO3--HATS/LATS) oder Ammonium (high / low affinity NH4+-Transport System, NH4+-LATS/HATS) gesteuert.
Sie werden von der Pflanze vermehrt oder ausschließlich hergestellt (Genxpression), wenn sie auch (vermehrt) gebraucht werden.
Hinzu kommt die durch Ammonium bedingte Hemmung der Ferrodoxin-Nitrat-Reduktase.
Es werden bei ausreichender Menge an verfügbarem Ammonium quasi Schalter in der Pflanze umgelegt, welche ihren Stickstoffhaushalt von Nitrat-Assimilation auf Ammonium-Assimilation umstellen.
Ein vollständiges Blockieren der Nitratassimilation durch Ammonium setzt damit entsprechend hohe Ammonium-Konzentrationen voraus, die in der aquaristischen Praxis unter regulären Bedinungen nicht auftreten.
[11b], [22b]
Aquarienpflanzen mägen zwar Ammonium als Stickstoffquelle bevorzugen, zur Blockierung der Nitrataufnahme sind die Ammonium-Konzentrationen im Aquariumwasser aber in der Regel zu niedrig.
Da Ammonium für Pflanzen in höheren Dosen giftig ist, kann es im Gegensatz zum Nitrat nicht gespeichert werden, sondern muss unmittelbar verstoffwechselt werden.
Die unmittelbare Giftigkeit von Ammonium basiert auf der pH-Wert abhängigen Dissiziation zu Ammoniak, welches Zellmembranen und Zellorganellen angreift.
Bei Speicherung größerer Mengen Ammonium im Gewebe träte jedoch unweigerlich auch die Umwandlung in giftiges Ammoniak auf.
Dessen Giftwirkung ist auf der Schädigung von Zellmembranen begründet. Dieses Problem kann insbesondere bei Ammonium als alleiniger Stickstoffquelle auftreten, oder dann, wenn Ammonium sich durch menschlichen Eintrag anreichert.
[1c]
Daher ist Ammonium an sich erst einmal nicht giftig. Es kann jedoch bei exzessivem Ammonium-Angebot zu negativen Effekten auf die Vitalität der Pflanzen kommen, weil, mangels Speicherbarkeit des Ammoniums,
aufgenommes Ammonium unmittelbar in organische Kohlenstoff-Verbindungen (C-Skelette) eingebaut werden muss, um die Gefahr der Ammoniak-Bildung zu unterbinden.
Die benötigten Kohlenstoff-Skelette stehen nicht mehr für andere Stoffwechselvorgäge zur Verfügung, wodurch es zu Mangelerscheinungen kommen kann.
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